Konzept

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Der Irschenhausener Waldkindergarten: Pädagogische Konzeption

(mit der Möglichkeit von Einzelintegrationsplätzen)

Ergänzend zu dieser Pädagogischen Konzeption gibt es zu organisatorischen und verwaltungstechnischen Belangen eine Benutzerordnung des Irschenhauser Waldkindergartens

»Jedes Kind drängt nach draußen, egal ob es regnet, schneit oder die Sonne scheint. Es hat dort immer etwas zu tun. in Pfützen plantschen, im Sand buddeln, eine Schlitterbahn anlegen, durch’s Gebüsch pirschen. Es hat keine Angst vor Nässe und Kälte und wird sich im Normalfall auch nicht erkälten, weil es draußen spielt, sondern weil es zuviel drinnen spielt und deshalb etwas schwächlich ist. Toben im Freien verhindert Haltungsschäden und reguliert den Appetit und den Schlaf.«

(Auszug aus der Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung)

Einleitung

Das Areal des Kindergartens ist schön gelegen auf den Randmuränenhügeln über dem Isartal im Süden von München. Der zentrale Treffpunkt des Waldkindergartens ist ein sehr großes, gemeindeeigenes Waldstück direkt am Dorfrand von Irschenhausen.
Hier steht unser neues "Waldschlösschen", ein gut isolierter, heller und neuer Bauwagen welcher als Unterschlupf bei widrigem Wetter dient. Die Kinder können in diesem geschützten Raum mit Papier, Scheren, Kleber und anderem Bastelmaterial arbeiten. Dazu kommen noch der bunte Blechwagen mit der Holzwerkstatt und der kleine, gemütliche Schäferwagen.

Der Schwerpunkt des Kindergartens liegt allerdings im Aufenthalt in der freien Natur. Diese große räumliche Freiheit muss gepaart sein mit Absprachen und Regeln. Auch ist es wichtig, durch klar strukturierte Rhythmen abgegrenzte, sich wiederholende und damit verlässliche Erlebnisräume zu schaffen: Rhythmen geben Verlässlichkeit und damit Sicherheit.

So sind auch im Wald die Richtlinien des Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplanes gut anzuwenden, der Kindergarten ist vom Jugendamt anerkannt und erhält dementsprechend Fördergelder.
Die Freiheit des Waldes in Form von Weite und Raum, Stille und Entschleunigung, bietet große Möglichkeiten des Daseins und gleichzeitig des unausweichlichen Erlebens natürlicher Grenzen und Konsequenzen. Dieser Raum bietet sich auch bei der Unterstützung für Kinder mit besonderen Bedürfnissen an.

1. Pädagogische Elemente, beschrieben an dem rhythmischen Ablauf eines Tages

 

im Waldkindergarten

Aus dem großen Rhythmus des Jahres, der Jahreszeiten und Feste, die wir bewusst und ausgiebig feiern, wollen wir aufmerksam auf unseren täglichen Rhythmus mit seinen pädagogischen Elementen schauen:

Das morgendliche Ankommen

Zu dieser Zeit werden die Kinder zum Waldkindergartenplatz am Schäftlarner Weg gebracht. Das Begrüßen und Verabschieden (Übergang) besitzt einen großen Stellenwert: Um uns gegenseitig wahrzunehmen, für eine eindeutige Übergabe der Kinder, das Abgeben der Verantwortung der Eltern an die Pädagoginnen, um gegenseitige Achtung und Respekt zu pflegen und Erfahrungen zu machen mit Nähe und Distanz.
Die Kinder hängen selbst ihre Rucksäcke an die Kleiderhaken unter dem Bauwagenvordach und spielen eigenverantwortlich bis zum Morgenkreis im Freien. Dafür stehen unter anderem folgende Möglichkeiten zur Verfügung:

· Werkzeugecke: Hier können die Kinder echtes Werkzeug nutzen, welches sie nach Gebrauch selbst wieder aufräumen. Auch zum Malen im Bauwagen steht Material zur Verfügung.
· Beliebt ist bei den Kindern das Bauen von Staudämmen und Kanälen mit Wasser aus der Regenbütte.

· Kochecke mit Geschirr aus Porzellan und kleinen Töpfen
· Kletterbäume, Schaukelseile, Turnen in kleinen Bäumen
· Verborgene Plätze zum Spielen hinter dem Bauwagen, oder im „Jungbuchenwald“.
· Die Großen schmieden Pläne für die weitere Gestaltung des Tages
· Kleine Bastelarbeiten, Malereien können selbständig je nach Witterung am Tisch im Bauwagen oder im Freien vorgenommen werden.

 

Der Morgenkreis:

Wir sammeln uns, gestalten Gedichte, Lieder, Reigen oder Fingerspiele, die zur Jahreszeit, zum Wetter oder zu aktuellen Themen und Projekten passen. Geschicklichkeitsspiele, Ratespiele, Überraschungen, Gespräche finden statt, Lauschübungen (Vogelstimmen) und die Begrüßung von Gästen, Ankündigungen und Gepäckverteilung für die geplanten Touren, sind ebenfalls Teil dieser Aktivitäten.
Beim Abzählen der Gruppe erlernen die Kinder erste rechnerische Fähigkeiten.

 

Der Weg

Jetzt brechen wir zu einem unserer Plätze im Wald auf. Je nach Wetter, Windrichtung, Plänen und Bedürfnissen gibt es die Auswahl zwischen z.B. „Hollerplatz“, „Dreibuckelberg“, „Unterstand“, „Springbäume“, „Croissantbaumplatz“, oder wir suchen und erforschen neue Ziele in unbekannten Revieren. Regelmässig dürfen auch Kinder unseren Zielort bestimmen und die Gruppe führen (Partizipation). Dieses Unterwegssein bietet eine Fülle an Übungs- und Erfahrungsmöglichkeiten für die Kinder (und natürlich auch für die Erwachsenen):

· Regeln beachten:
Treffpunkte einhalten, nicht Drängeln, Verantwortung fürs Gepäck über- nehmen, Rennen nur mit leeren Händen, und vieles mehr.

· Orientierung:
Erstaunlich schnell erlangen die Kinder ein Gefühl für das Gelände, Entfernungen, Himmelsrichtungen, den Sonnenlauf. Der Verbleib der Kinder im rechten Abstand zu der Gruppe ist also kein Problem, wird aber dennoch besonders bei neuen Kindern mit kleinen Spielen eingeübt.

· Bewegung:
Welches Kind hat heutzutage die Chance, das Vorwärtskommen auf unebenem Boden zu bewältigen? Für neue Kinder ist es immer wieder eine große Anstrengung die Strecken ohne Hinfallen zu meistern. Bewegung ist im Waldkindergarten eine immerwährende Begleiterin. Sie ist verknüpft mit vielfältigsten Anregungen, Anforderungen und Sinnesreizen. Eine gute Grundlage für Entwicklungen im neuronalen Bereich.

“Frühe Körpererfahrungen, insbesondere die Erfahrung der eigenen Möglichkeiten zur bewussten Steuerung von komplexen Bewegungsabläufen sind nicht nur entscheidend für die Herausformung und Stabilisierung der zur Bewegungskoordination aktivierten neuronalen und synaptischen Verschaltungsmuster. Sie bilden auch die Grundlage für die Bahnung und Festigung sog. executiver Frontalhirnfunktionen und die Aneignung von sog. Wissens-unabhängigen Metakompetenzen (Selbstwirksamkeitskonzept, Handlungs- und Planungskonzept, Impulskontrolle, Frustrationstoleranz, intrinsische Motivation).“ Aus: http://gerald- huether.de/populaer/veroeffentlichungen-von-gerald- huether/texte/sich-bewegen-gerald-huether/index.php

· Zeit haben:
Die Kinder dürfen ihre Entdeckungen, Gespräche und ihr Tempo selbst bestimmen. Die Erwachsenenhektik ist weitgehend verschwunden. Die Wahrnehmungen werden geschärft für die vielen kleinen und großen Wunder: Farben in Regentropfen, fressende Schnecken, Sonnenstrahlsternbahnen im Winter zwischen den Bäumen, winzige Pilzwälder auf Todholz
· Die Kinder entwickeln aus gegebenen, durchschaubaren und sinnvollen Anlässen Sozial- und Sprachkompetenzen:
Sich gegenseitig helfen, mitteilen, aufmerksam machen, Abmachungen mitteilen, Zuhören, Rücksicht nehmen, Warten, nicht drängeln, dem Nach- folgenden die Zweige halten (sonst peitschen sie ins Gesicht), Auseinandersetzungen klären

· Vernetzung und Schulung von verschiedenen Sinneswahrnehmungen: Bewegung, Gleichgewicht, Tasten, Riechen, Temperatur, Sehen, Hören, Sprechen

· Gewinnen von Sicherheit und Selbstwahrnehmung:

Wegen des Regelgefüges (z.B. Treffpunkte einhalten), der zunehmenden Kenntnis des Geländes, Regelmäßigkeit, Wiederholungen im Tagesablauf und der kleinen Gruppe kann jedes Kind ohne Angst auf einer überschaubaren Strecke auch alleine laufen, Schwierigkeiten selbst meistern oder mal hinterher trödeln. Die Kinder können so Vertrauen zu sich selbst, zur

„bekannt -fremden“ Umgebung, zur Gruppe und zu den Erwachsenen gewinnen. So erlangen sie Selbstwertgefühl und werden später bei Schwierigkeiten vielleicht nicht gleich kapitulieren.

Am Tagesplatz

Hier können wir uns unseres Gepäcks an einem dafür bestimmten Ort entledigen. Die Kinder suchen sich recht schnell allein, zu zweit oder in kleinen Gruppen einen Platz oder ein Gebiet aus, um alte Spiele fortzuführen, neue zu erfinden, einfach zu forschen, zu schauen, nichts zu tun (Langeweile ist erlaubt) oder um die Nähe zu den Erwachsenen zu suchen.
Diese Freiheit ist nur möglich wegen der kleinen überschaubaren Gruppe, einer lebendigen Kommunikation auf Augenhöhe mit den Kindern und eines wachsamen Vertrauens in die Kinder, dass sie die Regeln einhalten, die immer wieder geübt und ausgesprochen werden.
In diese Zeit fallen auch einzelne pädagogische Tagesangebote. Besonders beliebt bei den Kindern ist das alleinige oder gemeinsame Bauen einer Märchenbühne aus Naturmaterialien und das Zuhören bei Märchen und Geschichten.
In diesem Zeitraum bieten wir auch regelmäßig schulvorbereitende Angebote für unsere Vorschulkinder an.

Die Brotzeit

Ein Kernstück ist die gemeinsame Brotzeit in der Mitte des Kindergartentages: Als Wichtigstes ist die Brotzeit ein Genießen, was bei dem großen Hunger, den die Kinder an der frischen Luft entwickeln sehr ausgeprägt ist. Die Kinder sammeln sich zum Händewaschen und bilden einen Sitzkreis an einem geeigneten Platz. Mit einem Fingerspiel, einem Lied oder Gedicht und eventuell Riech- oder Hörrätseln kommen wir zur Ruhe. Erst nach dem gemeinsamen Beten und dem „Guten Appetit“ darf jeder seine Brotzeit auspacken und essen. Auch das „Wie- der Aufstehen“ hat seine Regeln. Diese Zeit ist ein wertvoller Moment, um zur Ruhe zu kommen, sich gegenseitig Aufmerksamkeit zu schenken und die ganze Gruppe wahrzunehmen. Hier wird geübt: Rücksichtnahme, Aufmerksamkeit, gegenseitiges Helfen, Raumgefühl (Kreisbildung, Mittelpunkt, Außenwege, Innenwege), Geschicklichkeit, Essverhalten, Umgang mit Müll, Zuhören, Lauschen, Sprechen - auch allein vor der Gruppe, Ausreden lassen, Teilen, Eigenverantwortung (Sitzmatte für kalten, nassen Untergrund, Sorge für das eigene Essen und Trinken tragen, die eigenen Dinge zusammen halten, wieder einpacken).

 

Bei Spiel und Arbeit

Nach der Brotzeit ist wieder Zeit, um Angefangenes fertig zu stellen und Spiele fortzuführen. Gegen Ende müssen alle fleißig beim Aufräumen und Packen mithelfen. Wir wollen ja nichts von unserer wichtigen Ausrüstung vergessen!
Der Fuchs freut sich nämlich über weiche Handschuhe und Pullover zum Spielen. (Die Regeln im Wald haben ihren Sinn, das erleichtert manches!)

 

Der Schlusskreis:

Wieder ein Versammeln, ähnlich wie beim Anfangskreis.

 

Der Rückweg:

Er verläuft ähnlich wie der Hinweg, notwendigerweise oft wesentlich schneller...

Zurück am Waldkindergartenplatz: Ankommen, verabschieden, wie am Anfang.

Abholen/ Mittagessen

Länger bleibende Kinder bekommen ab Herbst 2016 ein biologisches Mittagessen. Es wird von einem Caterer angeliefert werden.

Das Team

Das Personal schafft Ordnung, reflektiert das Tagesgeschehen und bespricht Weiteres.

2. Integration/ Förderung von Kindern mit Behinderung

Es wird eine Bezugsperson benannt, die sich in besonderer Weise um das entsprechende Kind kümmert und es dort abholt, wo es steht. Sie macht dem Kind passende Angebote, die seine Entwicklung anregen und unterstützen. Um dies leisten zu können, bekommt die Bezugsperson Unterstützung durch Fortbildungen und den Austausch mit anderen integrativ arbeitenden Einrichtungen. Die Arbeit im Kindergarten wird stundenweise durch eine therapeutische Fachkraft begleitet. Diese steht im Austausch mit der Bezugsperson des Kindes und den Eltern und gibt Anregungen für eine entwicklungsgemäße Förderung des

Kindes.

3.Pädagogische Mitarbeiterinnen/ Praktikanten/innen

Unser Team besteht aus zwei Pädagoginnen mit zusätzlichen Qualifikationen wie Eurythmie, Erlebnis- und Naturpädagogik, Geographie, Waldorfpädagogik, ...). Diese Qualitäten fließen in den täglichen Ablauf des Kindergartens ein, zum Beispiel ist die Eurythmie oft Bestandteil des Morgenkreises oder es werden zum Beispiel naturpädagogische Experimente durchgeführt. Auch ein/e Bundesfreiwillige/r und zeitweise Praktikantinnen der umgebenden Schulen sind Teil des Teams. Es finden regelmäßig Teamsitzungen statt. Die Teilnahme an Fortbildungsmaßnahmen und der Austausch mit anderen (Wald-) Kindergärten sind selbstverständlich.

4. Erziehungspartnerschaft/Dokumentation/ Kooperationen

Die Eltern sind auf vielfältige Weise in den Kindergartenbetrieb eingebunden: Elternabende; Projekte, Arbeitsgruppen, Elternbeirat, Elterngespräche, Möglichkeiten

Als integrativer Kindergarten bieten wir auch Kindern mit motorischen Störungen, Störungen im Bereich der Sinneswahrnehmung, allgemeinen Entwicklungsverzöge- rungen, Verhaltensauffälligkeiten wie Kontaktstörungen, aggressives und/oder hyperaktives Verhalten und Sprachentwicklungsstörungen die Möglichkeit, ihre Kindergartenzeit mit anderen Kindern im Wald spielend und lernend zu verbringen.

zu einer Hospitation im Kindergarten, Elternmitgehdienste. Engagierter Einsatz der El- tern ist nicht nur erwünscht, sondern dringend notwendig. So gibt es verschiedene Arbeitsgruppen, die den täglichen Betrieb des Kindergartens erst ermöglichen. Instandhaltungen der Hütte und des Geländes, Öffentlichkeitsarbeit, Gewinnen von Sach- und Geldspenden, Feste und Feiern mit organisieren, Mithelfen bei Ausflügen etc.

Die genaue Dokumentation sowohl des einzelnen Kindes durch die regelmäßige Pflege der Beobachtungsbögen , als auch die Dokumentation des Gruppengeschehens sind bei uns Grundvoraussetzung jeglichen pädagogischen Handelns. Wir entwickeln aus der Beobachtung Zielsetzungen und Methodik. Auch dabei ist die Zusammenarbeit mit den Eltern entscheidend. In Elterngesprächen im Kindergartenjahr werden gemeinsame Beobachtungen besprochen und ein weiteres Vorgehen geplant.

Wir pflegen Kontakt mit den pädagogischen Fachdiensten (Frühförderung, Ergotherapeutinnen, Logopädinnen, SPZ, Kinderärztinnen, Schulpsychologinnen, Familien- und Erziehungsberatung, Erziehungsbeiständen). Das Hinzuziehen oben genannter Fachkräfte setzt im Einzelfall ein freiwilliges Einverständnis der betreffenden Eltern voraus.

Eine enge Zusammenarbeit hat sich mit den umliegenden Schulen entwickelt. Neben den Kooperationstreffen besteht das ganze Jahr hindurch ein lebendiger Austausch.

5. Kindeswohl

An erster Stelle steht das Wohl des Kindes. Sollten Hilfe und Unterstützung zur Sicherstellung des Wohls des Kindes dringend erforderlich sein und diese nach eingehender Beratung im Gefährdungsfall von den Eltern nicht angenommen werden, ist die Kindertageseinrichtung verpflichtet, das zuständige Jugendamt über den Gefährdungsfall umgehend namentlich zu informieren. Verbindliche Standards der Vorgehensweise für alle Mitarbeiter sind durch das Jugendamt vorgegeben.

Wir freuen uns auf eine begeisterte und fruchtbare Zusammenarbeit mit Kolleginnen, Kindern und Eltern.

Anette Hemme im Herbst 2016